Tagebuch 11. Tag 10.08.2017 (15 km)

Audioausgabe vom Tagebuch

Tagebuch

Der Tag ging eigentlich gut los. Ich habe in der Nacht mit 8 Frauen und einem Jungen zusammen auf einem Zimmer geschlafen und keiner hatte geschnarcht. Also war ich ausgeruht und der Tag konnte eigentlich auch so weitergehen. Doch alles kam viel anders als ich mir das in meinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Aber erst einmal alles von Anfang an. Normal Aufstehen und zum Frühstück gehen. Den Rucksack packen und die Zähne putzen. Dann vor der Hütte die Bergschuhe anziehen. Von dem einen oder anderen Bergsteiger verabschieden. Alles wie gewohnt. Heute regnete es ein wenig und ich war einer der ersten die aus der Hütte war. Und dann fing alles an. Das tote Pferd am Wegesrand war sicher schon ein schlechtes Omen. Es hatte wohl einen falschen Weg eingeschlagen und ein Fehltritt wurde dem Pferd zum Verhängnis, was die Geier wohl nicht so schlimm fanden, denn sie hatten den Mittagstisch direkt vor dem Nest. Die Schweizer Gruppe hatte mich eingeholt und meinte, dass ich den Abzweig zur Refuge d Larry verpasst hätte und zurückmüsse. Nun ich konnte das im ersten Moment gar nicht glauben. Wir machten noch ein kleines Video vom Wasserfall und gingen zusammen weiter. Unten im Tal traf ich einen Schäfer und fragte ihn auf Französisch, ("o il va au Refuge d'Larry ") wo geht es zur Refuge d Larry. Der Schäfer bestätigte ("là-haut 600m à droite), dass ich mich verlaufen hatte. Er sagte, ich solle wieder zurückgehen und an den Abzweig 600m weiter oben nach rechts nehmen. Na klasse. Ich musste den ganzen Berg wieder hoch und zurück klettern. Oben angekommen, habe ich dann das Schild gesehen das ich übersehen hatte. Ich war wohl auf dem Hinweg noch geschockt von dem toten Pferd. Aber gut, heute war alles nicht so einfach wie ich mir das gedacht habe. Der Weg war glitschig, der Rucksack musste wasserfest verpackt werden und jeder Schritt musste gut überlegt werden. Ihr wisst schon, die tote Kuh Gestern und das tote Pferd Heute. Auch für mich heißt es heute aufgepasst und jeden Schritt muss überlegen werden. Die Landschaft, egal wie das Wetter ist, ist trotzdem wunderschön. Den Berg hoch über einen schmalen Pfad bis hoch auf 2200m auf den Pic d Larry ging es dann steil abwärts zur Refuge d Larry. Unterwegs kam ich an einem angebundenen Esel vorbei, der von einer Familie aus Belgien, die ich völlig durchnässt und in Unterhosen sitzend vor dem Ofen in der Refuge d Larry saß, hier Rast machte, und hier übernachten wollten. In der Refuge d Larry gibt es nur 6 Schlafplätze und alles war nun schon besetzt. Verpflegung und Herbergspersonal gibt es auch nicht hier. Es war erst 11:30Uhr und ich sagte mir, weil ich eh schon durchnässt war, das Stück noch Urdos werde ich wohl noch schaffen. Gesagt getan. Nach einem kleinen Schwätzchen mit den Belgiern ging es dann weiter. Das war nun meine zweite Niederlage an diesem Tag, keine Übernachtung in der Refuge d Larry. Ich folgte der Esels pur und den Hinweisen zweier Schäfer, die sagten, dass ich am Fluss entlang laufen sollte um nach Urdos zu kommen. Ja, ich hätte besser zuhören sollen. Ich folgte also den Eselspuren und dachte, ich komme so nach Urdos. Doch ich lag komplett falsch. Irgendwann verlor ich sich die Spur, das Navigationsgerät ging auf Sparmodus und ich konnte nicht mehr sehen wo ich bin. Die Karte war nicht mehr zu gebrauchen, weil ich in einer Wolke steckte und mich nicht mehr orientieren konnte. Ich konnte also nur noch sehen, wo es runterging, den hoch, da ging es wieder in den Berg. Nun gab es für mich nur zwei Dinge: 1. Instinkt und 2. Beten. Zu 1.) Ich versuchte wieder Spuren zu lesen oder Wege zu finden die auch die Tiere wählen würden. Ich sah zwei Bergziegen und ein Reh. Ich folgte den zwei Bergziegen die versuchten mir den Weg zu zeigen. Aber dann war die Welt für mich auf einmal wie abgeschnitten. Ich hatte mich im hohen Farnkraut, das mit Brombeerbüschen und Brenneseln durchwachsen war, wieder verklettert. Nun musste ich, wenn irgendwie möglich nach unten. Wege und Pfade gab es nicht mehr. Karten und Navi nicht mehr zu gebrauchen. Ich versuchte zunächst in einem Bachbett, das kein Wasser führte ins Tal zu gelangen. Nach dem ich mich durch Brennnessel und Brombeerzweige mit bloßen Händen durchgekämpft hatte, kam ich an einen Felsvorsprung nicht mehr weiter. Ich musste wieder ein Stück bergauf klettern und kam an einem weiteren Bachlauf. Hier ging es wieder ein Stück weiter runter. Jeder Schritt war ein Risiko. Ich kletterte unter umgestürzten Bäumen hindurch, weil ich dachte, wenn ich oberdrüber klettre, rutscht nachher der ganze Baum mit mir ab. Einige mal kam ich ins Rutschen. Immer wieder musste ich überlegen, wo geht es weiter. Ich kam so langsam an meine Grenzen, und jetzt half nur noch Beten. Zu 2.) Ich bat die heilige Bernadette von Lourdes um Hilfe und um eine Lösung aus meiner Situation zu finden. Nun, man sollte es kaum glauben, es gab für mich immer wieder Lösungen zu meinen Problemen. Ich dachte, wenn ich nur in einer Höhe am Berg bleibe, muss ich doch wieder auf einen Weg finden. Doch immer wieder bekam ich Niederlagen, aber auch immer wieder eine neue Zuversicht. Ich rutschte ungewollt den Berg hinab. Stand wieder auf und rutschte wieder. Der Rucksack dämpfte meine Stütze und die Wanderstöcke mussten jeden Schritt prüfen, ob nicht der Stein, den ich als nächsten Schritt ausgewählt habe, oder eine feuchte Wurzel, die ich als Halt suchte, sich nicht in einen weiteren Sturz verwandelt. Und wie ein Wunder, ich bekam einen neuen Weg, der mich nach Urdos führte. Ich bedankte mich bei der heiligen Bernadette und bekreuzigte mich, dass sie mich erhört hatte. Nun ging es noch eine Stunde bergab bis ich in Urdos ankommen sollte. Mein Adrenalinspiegel ging in der Zwischenzeit wieder runter. Der Abstieg war auch nicht ganz leicht und jeder Schritt konnte bei dem Regenwetter sich auch in eine Rutschpartie verwandeln. Und dann auf einmal kam ich doch noch zu Fall. Aber nicht ein Stein oder so, nein eine kleine Astgabel, an der ich mit dem Kopf hängen blieb, riss mich zu Boden. Ich erholte mich von dem Schreck und ging weiter. Legte hier und da eine Pause ein und bis Urdos ging dann alles gut. In Urdos angekommen, suchte ich nach einem Hotel in der Stadt und kam zum Hotel Voyageurs. Die Dame an der Rezeption muss mich wohl bemitleidet haben, so wie ich aussah. Die Rutschpartien in den Bergen, der Regen und der Matsch hatten mich in einen Einzelkämpfer verwandelt, der fertig war. Die Dame gab mir trotzdem für zwei Tage ein Zimmer im gegenüberliegendem Hotel trackt. Das erste was ich nach der Anmeldung gemacht habe, waren erst einmal die Sachen waschen. Ich sah aus wie eine Wildsau. Die Stürzte hatten einiges dazu beigetragen und nach dem waschen ging ich selber in die Badewanne, mit heißem Wasser. Wundervoll. Um 19:30 Uhr ging ich dann zum Dinner. Drei Gänge Menü zwei Flasche Wein (Perle du Gave) und Wasser. Es gab eine kleine Vorspeise: - Melone mit Schinken, - File Merlu (Fisch) mit geschälten Ofenkartoffeln und Zuchinigemüse, - zum Nachtisch Creme Brulee. Nach dem Essen ging ich leicht beschwipst ins Bett. Ja ich bleibe zwei Tage.

Wegbeschreibung